Trockentasting: Das Buch Bier & Genuss – Rezepte, Tradition und Lebensart

Noch ein Buch zum Bier. Schon ein paar Tage auf dem Markt. Von den Autoren Sandra Ganzenmüller und Sebastian Priller-Riegele. Erschienen im blv-Verlag, München. Zu finden ist es z.B. hier: http://www.amazon.de/Bier-Genuss-Rezepte-Tradition-Lebensart/dp/3835411101/

Das Buch ist zweigeteilt. Im ersten Drittel geht es um Geschichte, Braukunst, Biernationen, Biergenuss und Bierverkostung sowie die richtige Kombination von Bier und Speisen.

Auf den restlichen 90 Seiten gibt es 60 Rezepte. Mit vielen schönen Bildern. Die Rezeptempfehlungen kommen auffallend häufig von Mitarbeitern der Brauereien die bei den Freien Brauern organisiert sind. Auch die Biere die in den Rezepten als Zutat genannt werden kommen von den Mitgliedern der Freien Brauer… im TV würde es spätestens jetzt den „Warnhinweis“ „Unterstützt durch Produktplatzierungen“ geben. (http://de.wikipedia.org/wiki/Product-Placement)

Das Ganze breitet sich also auf insgesamt rund 170 Seiten aus. Wenn man die vielen großformatigen Rezeptfotos abzieht also a bisserl wenig für die 19,99 € die man für das Buch auf den Tisch legen darf. Zudem darf man auf mehr als einer großformatigen Doppelseite der Autorin und dem Co-Autor beim Bierverkosten /-trinken zusehen. Warum eigentlich ?

Inhaltlich schwankt das Werk zwischen bekannten allgemeinen Informationen über das Bier und seine Geschichte, seine Inhaltsstoffe usw. Also Inhalte die man in ähnlicher Qualität auch Web z.B. bei Wikipedia findet. Zur echten Hochform läuft das Buch bei den Themen Biersorten (aus Deutschland) und ihre Charakteristika und etwas später beim Thema „Biergenuss“ und Sensorik auf. Da geht es dann recht detailliert um die richtigen  Biergläser, um Verkostungsbögen und Beurteilungskriterien. Leider umfassen diese beiden Bereiche „nur“ knapp 17 Seiten. Und dann folgt bereits der umfangreiche Rezeptteil.

Für den ist Koch Bernd Arold zuständig über den die SZ schreibt: >>> Für einen, der früher im Backöfele das Süpple umrührte, hat Bernd Arold eine wahrhaft bewegte Karriere hinter sich. Münchner Abenteuergourmets kennen ihn aus dem Essneun, wo er von 2002 bis 2007 die wildesten Kreationen auf den Tisch brachte. Nach Lehrjahren zuvor in der Käferschänke oder den Schweizer Stuben in Bettingen hatte er in den 3 Stuben in Meersburg den Großmeister der Schule der Jungen Wilden, Stefan Marquard, kennengelernt und war ihm damals als Chef Tournant ins Münchner Restaurant Lenbach gefolgt. Seit Juli 2008 führt Bernd Arold nun sein erstes eigenes Restaurant, den Gesellschaftsraum. Hier tragen seine Crew und er tapfer jene Insignien, die man offenbar benötigt, um in die feine Gesellschaft der Wilden Köche aufgenommen zu werden: grobe Ohrringe, Tätowierungen, Wollmütze harmonierend zu Ziegenbart und dunklem Arbeiterhemd mit rotem Stern. <<<

Natürlich fehlt auch eine Story zum Thema „Die neue Generation“ nicht. …aber da wird es inhaltlich dann arg abenteuerlich.  Der Beitrag startet mit  „Während in vielen Brauereien Marketingabteilungen das Kommando in Sachen Gerstensaftkreation hinsichtlich Aussehen, Design, Menge und Vermarktung führen, hat eine neue Generation von Brauern und Bier-Querdenkern nur noch eines im Kopf: Bier.“

Zwei Absätze später heißt es dann aber: „Wenn die Brauer sich beim Marketing engagieren, ist auch Unmögliches möglich. Bier-Querdenker reißen nicht nur Denkmauern ein, sie überwinden die Wälle ihrer Bierkeller. Brauer trifft Brauer und gemeinschaftlich werden an fremden Sudkesseln Ideen für ungewöhnliche Biere entworfen. Das Ergebnis ist ungewiss, aber allein so schon ein Gewinn für die deutsche Braukultur.“

Ja was denn nun. Marketing JA oder Marketing NEIN ?

Noch bunter wird es dann im letzten Absatz: „An der Spitze dieser Entwicklung findet man meist familiengeführte Brauereien. Die Vereinigung der Freien Brauer ist dafür ein Beispiel.“ Das erstaunt mich dann schon. Würde man doch bei der Spitze der Bier-Querdenker und Craft-Bier-Vorreiter eher an BraufactuM (garantiert KEIN Beispiel für eine familiengeführte Brauerei!) oder an Camba Bavaria oder eben an die kleinen Brauer wie Pax-Bräu, Schoppe-Bräu, Hopfenstopfer, Fritz-Ale, Braustelle Köln, usw. denken. Aber eher nicht an die überwiegend eher brav-biederen 39 Mitgliedsbrauereien der Freien Brauer. Ja es gibt unter den Mitgliedsbetrieben auch mehr oder weniger kreative Ausnahmen: Maisel’s, Welde, Neumarkter Lammsbräu, Riegele (die Brauerei spielt im Buch übrigens eine extreme Hauptrolle), Schneider Weisse, Störtebecker und last but not least Stiegl aus Österreich. Aber der Rest ist doch sehr traditionell unterwegs.

Die Presse-Ansprechpartnerin der Freien Brauer ist übrigens laut deren Website http://www.die-freien-brauer.com/presse/pressekontakt.html die Buchautorin Sandra Ganzenmüller. Das Buch ist also offenbar vorbildliche PR-Arbeit für die Freien Brauer und für Riegele. Aber dafür als Endverbraucher Geld ausgeben?

Sehr einseitig ist m.E. die Beschreibung der „großen Biernationen“. Insbesondere die Entwicklung in den USA wird unzulänglich oder gar falsch wiedergegeben: „… Im Schatten gigantischer Lagerbier-Konzerne ist eine lebendige Landschaft an Micro-Breweries, Kleinstbraueren und Craft-Brauern herangewachsen. Hier gilt der Grundsatz der unbegrenzten Möglichkeiten. Nichts ist schräg genug, als das es nicht ein Bier werden könnte. Meist ausgehend von einer obergärigen Braubasis wird experimentiert mit extremer Hopfung, Holzfasslagerung jeglicher Couleur oder Zutaten die dem Reinheitsgebotsbrauer das Bier aus dem Fass springen lassen. Biere von 80 und mehr Bittereinheiten (üblich sind in deutschen, bitteren Bierstilen wie Pils maximal 45), Biere mit auf Kohlensäure tanzenden Früchten oder Biere mit unglaublichen Preisen von mehreren hundert Dollar sind keine Seltenheit. Die Brauer solcher Biere erheben übrigens fast nie den Anspruch, ihr Bierexperiment wiederholen zu können. Und nicht selten ist deshalb jede Flasche aufs Neue eine Überraschung. …“ Das greift m.M.n. aber zu kurz. Hier wird zu einen der hohe Professionalisierungsgrad vieler Craft-Breweries einfach unterschlagen. Und ebenfalls unterschlagen wird der Fakt das bei den beiden wichtigsten Bier-Awards (dem World Beer Cup http://www.worldbeercup.org/winners  und dem European Beer Star Award  http://www.european-beer-star.de/) die Brauer aus den USA auch und gerade Gewinnerbiere in den klassischen deutschen Kategorien stellen. Beispiele aus der aktuellen Awardliste des World Beer Cups: Die Sieger beim „German Style Märzen“ und beim „German Style Schwarzbier kommen aus Colorado, der Sieger beim „German Style Pale Wheat Ale“ kommt aus Tennessee, usw.

Prädikat: Das Buch ist – trotz einiger guter Ansätze und Abschnitte – v.a. der Versuch eine Werbe-Broschüre der Freien Brauer und der Brauerei Riegele samt nutzwertigem Rezeptteil für 20 Euro über den Buchhandel zu verkaufen. Wer das mag, sollte es kaufen. Ansonsten findet man bessere Bücher zum Thema Bier.

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